André und Fabian
Mein Name ist André, ich bin 22 Jahre alt und studiere an der Universität Hamburg Politikwissenschaft. Ich freue mich, einen kleinen Beitrag für diese Webseite schreiben zu können, denn ich kenne Fabian seit fast 20 Jahren. Wir waren zusammen im ersten integrativen Kindergarten Hamburgs mit einer Krippe, also für Kinder unter drei Jahren. Meine Eltern und Fabians Eltern gehörten zu den Gründungseltern des ganztägigen Kindergartens Knickweg. Als mein Bruder und ich dort mit den anderen Kindern zusammen waren, haben wir nicht wirklich bemerkt, dass einige von ihnen behindert waren – oder vielleicht wäre es besser zu sagen: wir fanden es alltäglich und normal, dass einige von uns besondere Eigenarten hatte, zum Beispiel dass Jens nicht laufen und allein sitzen konnte, Mina gelegentlich Seife aß oder Fabian anders sprach.
Erst in der Grundschule Humboldtstraße, wo ich in eine I-Klasse ging, fielen mir die offenkundig behinderten Kinder auf, ein geistig und motorisch behinderter Junge und einer im Rollstuhl. Ich sage bewusst „offenkundig“, denn eines ist spannend: Wir hatten ein drittes behindertes Kind in der Klasse und niemand wusste, wer es war, weil die Eltern es nicht bekannt geben wollten. Erst sehr viel später habe ich erfahren, dass es ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft war, das wegen einer Lernbehinderung einen „I-Platz“ bekommen hatte. Sie hat zeitgleich mit mir ein tolles Abitur gemacht und studiert jetzt Chemie im Ausland! Kann man da wirklich von einer Behinderung sprechen? Und was wäre aus ihren Chancen geworden, wenn es keine I-Klasse gegeben hätte und sie auf eine Förderschule gekommen wäre?
Wegen dieser Erfahrungen finde ich es wichtig, dass von Anfang an alles integrativ eingerichtet ist: Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten, Arbeitsplätze in Betrieben, öffentliche Einrichtungen wie Transportmittel oder Gebäude. Denn dann wären Menschen mit Behinderungen alltäglich und normal wie damals im Kindergarten. Das würde uns wahrscheinlich allen gut tun, zum Beispiel indem wir mit ein bisschen mehr Hilfsbereitschaft Behinderte unterstützen. Ich gebe ehrlich zu, dass mir das in der Grundschule gelegentlich zu viel wurde, wohl deshalb, weil ich mich oft verantwortlicher fühlte und mehr tat. Das finde ich im Nachhinein aber doch gut.
In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder mal bei Fabi die Abende verbracht, wenn seine Eltern unterwegs waren. Das war ganz schön – wir haben vorgelesen oder seine Musik gehört, die er absolut liebt. Viele von Fabis Eigenheiten finde ich lustig und liebenswert. Es ist wirklich ein Vertrauen entstanden und geblieben, Fabis Vater hat mal sinngemäß gesagt, Fabi erinnerte einen immer daran, dass es eine andere Seite im Leben gibt, die sich nicht nach Leistung bemisst, sondern nach dem Miteinander. Wenn sich die Menschen nur im gleichen Maße am Miteinander wie an Leistung bemessen würden, wäre das sicherlich schon ein großer Schritt zu mehr Integration.




